
Lieber Giacomo,
da die so unendlich kostbare Zeit mir bisweilen aus den Händen zu gleiten scheint und ich dem Schicksal bisweilen eine Sekunde voraus sein möchte, nehme ich es gern zum Anlass, Dir auf diesem Wege von meinen Gedankenblitzen zu berichten, die selbstredend auch schon eine äußere Form angenommen haben. Was ist mir da bloß widerfahren, als Du in meinen Bannkreis geraten bist? Natürlich kannte ich Dich schon, denn wer sich nur ein klein wenig mit der Geschichte der Oper beschäftigt, kommt an Deinem Namen nicht vorbei. Vor vielen Jahren erlebte ich eine Aufführung von Les Huguenots an der Deutschen Oper Berlin, die ja gewissermaßen mein verlängertes Wohnzimmer ist und wo mir mein erster Parsifal am Buß- und Bettag 1976 noch in lebhafter Erinnerung ist. An die Aufführung von Les Huguenots kann ich mich aus vielerlei Gründen noch sehr gut erinnern. Damals stand noch die Mauer in Berlin und die Inszenierung von John Dew machte quasi aus Protestanten und Katholiken Ossis und Wessis. Ich sehe immer noch ein Schild vor mir, dass eine Sängerin um den Hals hatte und worauf stand: Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich mit Katholiken ein. Oder waren es Protestanten? Ganz genau weiß ich es nicht mehr, aber es hat mich damals sehr berührt, denn meine Familie kam ursprünglich aus Frankreich und waren Hugenotten. Den Luther-Choral hetzt Du in Deiner Oper förmlich zu Tode. Das bewegt mich heute noch, wenn ich diese Musik höre.
Die Hugenotten haben mich damals mächtig beeindruckt, doch dann versankst Du wieder in den Schatten der ewigen Nacht, bis es dann regelrecht "Ploing" machte und - bitte sehe es mir gefällig nach - Du zu einem Teil meiner Wirklichkeit geworden bist. Als ich dann auch noch las, dass Du um 5 Uhr 28 an einem bestimmten Tag Deine irdische Laufbahn beendet hattest, war es um mich geschehen, denn ich habe um 5 Uhr 29 das Licht der Welt erblickt. Zwar zu einer anderen Zeit und auch unter anderen Umständen, aber immerhin ganz dicht daran. Aber was ist schon Zeit! Gibt es sie eigentlich? Doch ich will nicht abschweifen und Dir weiter berichten, was dann so alles geschehen ist. Es war wie ein Sog, es war wie ein Ruf, den ich vernahm und inzwischen habe ich mindestens zwei Meter von und über Dich im Gepäck und vieles davon auch in meinem Kopfe, der unentwegt am Summen und Brummen ist. Und Deine "feste Burg", Dein Glauben, der Dich immer beschützt und behütet hat, ist mir im Wesentlichen nicht fremd. Kann der Glaube Berge versetzen? Wie ich inzwischen aus gut informierten Kreisen erfahren habe, war Dir das tägliche Gebet keine lästige Pflicht, sondern eine Herzensangelegenheit. Bescheiden warst Du und angeblich haben Dir deftige Eintöpfe oder Spinat mit Rührei am besten geschmeckt, dabei hast Du Dir eigentlich alles gönnen können, was Deinem Gaumen in den Sinn kam. Sogar bei Rossini hast Du einige Male gespeist. Da wäre ich gerne Mäuschen gewesen und kann mir nur ausmalen, welchen Konversationsstil Du pflegtest. Der Umgang mit den unterschiedlichen Sprachen war Dir selbstverständlich. Deine Familie legte großen Wert auf eine gute Allgemeinbildung. Du lerntest die Grundzüge der lateinischen Sprache, konnte Deutsch, Französisch und Italienisch fließend Schreiben und Sprechen und wenn Du nach England gefahren bist, nahmst Du eigens vorher Sprachunterricht. Inzwischen habe ich alle acht Bände Deine Briefe und Tagebücher, die eindringlich bezeugen, auf welch hohem Niveau Du Dich nicht nur sprachlich bewegt hast. Am liebsten warst Du - wenn Du nicht am Komponieren und nimmer satten Feilschen warst - in der Oper oder im Theater und ich komme aus dem Staunen nicht heraus, welche Werke Du alle gesehen hast. Ich erblasse vor Neid, mit wem Du alles gesellschaftlichen und künstlerischen Verkehr hattest, nur Grafen und Fürsten durften Dich bürsten, da kommt meine Wenigkeit nicht mit, aber dies trage ich mit männlicher Gelassenheit und hadere nicht mit dem Schicksal. Freunde hattest Du nur wenige, das geht mir auch nicht anders. Am liebsten hast Du Dich quasi in Deiner Loge im Theater verkrochen, um vor allen Dingen der Musik lauschen zu können. Dein Ohr nahm alles auf, hat alles gespeichert und anscheinend hattest Du ein Gedächtnis wie ein Computer, nichts entging Deiner Aufmerksamkeit oder wurde gar vergessen. Sogar den Klavierauszug von "Tristan und Isolde" hast Du gleich mehrmals gelesen. Mit Mozart, den Du bitte recht herzlich von mir grüßen darfst, verspürtest Du so etwas wie eine musikalische Seelenverwandtschaft. Dessen "Ave verum" ist aber auch 'göttlich', wie Du einmal in einem Tagebucheintrag vermerkst. Mit Mozart fing auch meine musikalische Vita an. Beethoven war mir viel zu modern, auch wenn sich mein musikalischer Radius inzwischen weit geöffnet hat. Als 10jähriger hast Du das Klavierkonzert KV 466 zum Besten gegeben. Mannomann, das ist ein gewaltiger Brocken und ich frage mich, wie Du das als kaum der notwendigen Pubertät Entflohener gemeistert hast. Das romantischste aller Klavierkonzerte des Salzburger Nockerls. Düsteres d-Moll, eine Höllenfahrt der Gefühle; der innige 2. Satz mit dieser himmlischen Melodie und jenem abrupten Mittelteil, der an die Nieren geht. Meine Hochachtung! Ich erblasse vor Neid! Gesungen hast Du als Jugendlicher in der Berliner Singakademie. Alt! Das war auch meine Stimmlage, bevor mich die Mutation unweigerlich überrollte. Dein Lehrer Zelter, der Dich mit Bachschen Chorälen traktierte und Deinen Blick nicht nur für die zeitgenössische Musik, sondern auch für das musikalische Erbe nachhaltig schärfte, hat Dir Gutes getan. In einem Brief an Goethe nennt Zelter Dich einen seiner 'Jünger', da wird ja der Fisch in der Pfanne verrückt. Schon früh lerntest Du so die Musik von Fasch, Bach, Händel kennen; warst immer auf der Höhe Deiner Zeit. Ja, ich weiß inzwischen, dass Du die Musik Deiner Zeit förmlich auf einen Höhepunkt brachtest. Ein Akt der Verschmelzung aller musikalischer Ströme. Leider Gottes ist ein großer Teil Deines Nachlasses verschollen. Wen ich den nur finden könnte! Deine umfangreiche Bibliothek mit Büchern, Partituren, Klavierauszügen, Libretti, ästhetische Schriften, Autographen ist im Strudel des letzten verheerenden Weltkrieges im wahrsten Sinn des Wortes verschütte gegangen. Falls Du eine Wünschelrute parat hättest, wäre ich Dir unendlich dankbar. Froh und dankbar bin ich über alle Maßen, dass mich das Schicksal Deiner hat leibhaftig werden und ich ringe mit den Worten, all das auszudrücken, was mir so alles durch den Kopf geht. Auch mit diesen durchaus manischen Wellen möchte ich weiterhin selbstbewusst wie gelassen umgehen und werde Dich auf dem Laufenden halten. Es wird eine Reise mit vielen Etappen werden und ich danke Dir, dass Du mir Dein Vertrauen entgegen bringst, so dass ich Dir weiterhin berichten werde.
Für heute sei herzlichst gegrüßt von
Deinem
T.
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